Information, Vernetzung, Empowerment – Netzwerk Halt!ung berät und unterstützt Museen bei politisch motivierter Einflussnahme
Im kollegialen und fachlichen Austausch unter Museumsmitarbeiter*innen werden in den letzten Jahren immer häufiger Übergriffe auf die museale Arbeit und auf das Personal, aber auch Einflussnahme auf die Programmgestaltung der Museen offenbar.
Auch wir begegnen in unserer Arbeit Menschen, die mit solchen Vorfällen konfrontiert sind, sei es durch Anfeindungen bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im Museum oder im Rahmen kulturpolitischer Aktivitäten in kommunalen Parlamenten. Daher unterstützen wir das Netzwerk Halt!ung. Astrid Klinge ist Gründungsmitglied und im Vorstand des Netzwerkes aktiv. Hier stellt sie das Netzwerk vor und berichten über dessen Arbeit.
Einflussnahme, Übergriffe, Einschüchterungen
Das Thema betrifft große wie kleine Museen. Besonders häufig und auch besonders stark sind jedoch kleine Museen in ländlichen Räumen mit wenig Personal oder ehrenamtlichen Trägerstrukturen betroffen.
Auffallend ist, dass politisch motivierte Übergriffe mitunter strategisch erfolgen, z.B. mit dem Ziel bestimmte Themen zu platzieren oder zu vermeiden, Personen zu diskreditieren, Personalstellen zu ersetzen oder zu streichen (bis hin zur Schließung von Museen).Die Übergriffe können ganz unterschiedlicher Art sein. Dem Netzwerk Halt!ung sind z.B. folgende bekannt:
Die Aneignung historischer Orte und deren Nutzung als Stätten von Mythenbildung und nationalistischer Umdeutung und Identitätskonstruktion
Versuche, Deutungshoheit über die Themen und die praktische Vermittlungs- und Ausstellungsarbeit in Museen zu erlangen
Ideologisch motivierte Einflussnahme in parlamentarischen Gremien (z.B. Stadtrat, Kreistag) und Kulturausschüssen
Falschinformation und/oder Hatespeech in Sozialen Medien
Demonstrationen, Versammlungen an Erinnerungsorten
Hohe Anzahl von Anfragen in den Parlamenten, z.B. zur Museumsfinanzierung
Drohungen (Anrufe, Mails, Briefe), persönliche Angriffe etc.
Demgegenüber mangelt es insbesondere den kleineren musealen Institutionen an Reflexionspraktiken, Selbstvertrauen, Erfahrungen, entsprechender Vernetzung und finanziellen Mitteln für eine souveräne Reaktion.
Beratung und Publikationen
Zum Teil nutzen die betroffenen Museen die vorhandenen Beratungsstellen. Diese verzeichnen seit einigen Jahren immer mehr Anfragen. Als Hilfsangebot veröffentlichten der Verein für Demokratische Kultur in Berlin (VDK) e.V. und die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) schon 2019 die Broschüre Nur Schnee von gestern? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts in Gedenkstätten und Museen (Neuauflage 2020) und damit einen umfangreichen Leitfaden zum Thema.
Expertinnen und Experten der Museen diskutierten das Thema auf Fachtagungen wie z.B. der Online-Tagung „Lass‘ Land gewinnen! Rurale Museen zwischen Ablehnung und Wertschätzung: digital“ am 12. Februar 2021 der HTW in Berlin, der Jahrestagung „Museen in Zeiten von Rechtspopulismus“ des Landesverbandes der Museen zu Berlin im selben Jahr.
Mit dem Erstarken der AfD in mehreren deutschen Parlamenten und den Prognosen für mutmaßlich hohe Wahlergebnisse der Landtagswahlen in diesem Jahr (2024) sind die vielfältigen kulturellen Akteure und eben auch die Museen zunehmend alarmiert.
So widmen sich auch die wichtigsten Fachtagungen der deutschsprachigen Museumswelt 2024 dem Themenkomplex unter den Schlagworten wie: Haltung zeigen im Museum, Museen als Orte der Demokratie, Rechtspopulismus vs. Museen, Museen und Neutralität, Grenzen der Kunstfreiheit u.v.m. Die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes im Mai 2024 stand unter der Überschrift: „Museen durch Krisen navigieren“. Während der Session „Museen vs. Populismus“ kamen unterschiedliche Fachleute aus Museen und Beratungsstellen zu Wort, teilten ihre Erfahrung, beschrieben die Herausforderungen und erläuterten Handlungsoptionen für Betroffene. Das 18. Internationale ICOM Bodensee-Symposium widmete sich ebenfalls im Mai in Friedrichhafen der Frage: „Wie politisch ist Museumsarbeit?“ mit zahlreichen Beiträgen und Workshops. Auch das Netzwerk Halt!ung war mit einem Workshop vertreten in dem es um die politischen Dimensionen von Museumsarbeit und die Entwicklung praktischer Strategien zum Umgang mit politischer Einflussnahme ging. Mit der Fachtagung „offen? kritisch? inspirierend? Museen als aktive Orte der Demokratie“ am Deutschen Hygienemuseum Dresden (18. Sep 2024 - 20. Sep 2024) sowie der Tagung „Haltung zeigen, Demokratie verteidigen! Museen in Zeiten politischen Drucks" im LWL-Museum Zeche Zollern in Dortmund (14. -15. Oktober 2024) werden die unterschiedlichen Aspekte weiter diskutiert und vertieft.
Kollegialer Austausch und praktische Hilfen
Inmitten dieser Diskurse gründete sich 2021 das Netzwerk Halt!ung mit dem Ziel gegenüber politisch motivierten Übergriffen auf Museen zu sensibilisieren. Es dient dem kollegialen Austausch und ist Anlaufstelle für Betroffene und Ratsuchende. Darüber hinaus möchte es konkrete Hilfestellungen leisten, z.B. wenn es um die Vermittlung von Beratung und Fortbildungen geht, die Fragen nach Unterstützung zu juristischen und praktischen Fragen (z.B. Hausrecht, Hausordnungen etc.). Seit 2024 ist das Netzwerk mit Sitz in Berlin einem Verein organisiert.
Das Netzwerk ist ansprechbar für Menschen, die
sich der Einflussnahme auf Ihre Museums- und Vermittlungsarbeit ausgesetzt sehen
persönlich und/oder als Institution angegriffen und/oder bedroht werden
ihre Erfahrungen teilen und damit den Wissensstand zum Thema verbreitern können
sich aktiv einbringen und mitarbeiten wollen.
Eine wichtige Aufgabe des Netzwerkes ist das Sammeln und Sichtbarmachen von Ereignissen, um so die Vielfalt und Vielzahl der Angriffe zu beschreiben und zu systematisieren und mehr Klarheit darüber zu erlangen, wie solche Übergriffe im Kulturbereich wirken und welche Effekte sie auf Museen haben.
Gleichzeitig ist im Austausch der Kolleg*innen klar geworden, dass Vorfälle oft unsichtbar bleiben, weil entweder das Problembewusstsein fehlt, das Problem unterschätzt oder verharmlost wird. Betroffene erfahren teils wenig Rückhalt ihrer Träger, wissen meist nicht, wohin sie sich wenden können oder trauen sich nicht, Vorfälle publik zu machen, um nicht weiter exponiert zu werden. Diese Lücke schließt nun das Netzwerk Halt!ung und steht darüber hinaus unterstützend zur Seite.
Grafik: Manfred Steger
Auf der Website www.netzwerk-haltung.org können Vorfälle unkompliziert gemeldet und natürlich direkt Kontakt aufgenommen werden. Das Netzwerk steht allen Interessierten offen. Regelmäßig finden online-Sprechstunden oder offenen Infotreffs statt. Der nächste offene Termin findet online am Dienstag, 18.06.2024 um 17 Uhr statt. Interessierte können sich per Mail an info@netzwerk-haltung.org oder über die Website anmelden.
Leseempfehlungen, Veranstaltungen und weitere Informationen zum Thema:
Tagungen:
https://www.dhmd.de/veranstaltungen/fachtagung
https://bodenseesymposium.info/
https://www.museumsbund.de/sessions-2024/
Forschung im europäischen Kontext:
https://www.carmah.berlin/chapter/
Publikationen:
Geschichtsleugnung und "Lügenmuseen". Diskussion zu Museen und Hate Speech, 2023
Kulturpolitik und Rechtspopulismus, KUPOGE, 2020
Nur Schnee von gestern? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts in Gedenkstätten und Museen, 2020
Bildungsarbeit, Beratung, Forschung: